| Saki: |
Dein Roman Die dunkle Seite der Liebe erscheint zur Buchmesse 2004, die "Arabien" als Thema hat. Was bewegt einen Autor, an so einem Buch dreißig Jahre lang zu schreiben? |
| Schami: |
Das große Thema der verbotenen Liebe in Arabien. Man kann die Geschichte und die Gegenwart der Araber nicht verstehen ohne das Verbot der Liebe. Wenn Menschen ihr Leben unter so einem Verbot verbringen, so kannst du dir vorstellen, welche Geschichte sie schreiben. |
| Saki: |
Ist dein Werk also ein politischer Roman? |
| Schami: |
Um Gottes willen. Nein, meine früheren Romane waren sehr politisch. Erzähler der Nacht, Eine Hand voller Sterne, Reise zwischen Nacht und Morgen, das sind sehr subversive politische Romane, aber Die dunkle Seite der Liebe ist ein Roman der Liebe ... |
| Saki: |
Aber hör mal, und was machen so viele Diktatoren, Armeen und Geheimdienste in einem nicht politischen Roman? |
| Schami: |
Das, was sie im Leben machen: Ärger. Aber das macht einen Roman noch lange nicht politisch. Dieser Roman verfolgt das Ziel, über die Liebe unter schwersten Bedingungen zu erzählen. Militär, Politiker, Gefängnisse sind Kulisse und Requisiten. So wie das Wasser zu einem Fischerroman gehört, mußten Parteien und Politiker meinem Romangeschehen dienen. Mehr nicht. |
| Saki: |
Ich kenne jede Gasse, die du beschreibst. Muß man viel wissen, um einzusteigen? |
| Schami: |
Nein, sonst wäre es ja kein Roman, sondern ein Lehrbuch. Aber genießen soll man können. Und danach wird man viel mehr wissen als George W. Bush ... |
| Saki: |
... der aber herzlich wenig weiß! |
| Schami: |
Sicher, aber meine Leser erfahren von einem unterhaltsamen Roman mehr als der mächtigste Mann der Erde von seinen Experten, Professoren, Politologen und seinem Geheimdienst. Ist das nichts? |
| Saki: |
Doch, doch, aber lassen wir Bush beiseite. Warum ist die Sippe in deinem Roman so zentral? |
| Schami: |
Weil sie in Arabien seit über 2000 Jahren die Herrscherin des Alltags ist. Alle von europäischen Nachahmungen beeinflußten Reformen blieben nur auf der Oberfläche wie Hautcreme. Bei der ersten Dusche war das ganze Gerede von Republik, Emanzipation der Frau und Sozialismus fortgespült, als existierte das alles nicht. Hier vererbt ein Präsident die Herrschaft an seinen Sohn, und die Generalsekretärin der KP, die ihrerseits die Herrschaft über diese elende Partei auch von ihrer Familie geerbt hat, sagt: "Ja, unser Volk liebt das, wenn der Sohn die Herrschaft vom Vater übernimmt."
Assad ist kein Einzelfall. Auch Saddam Hussein hatte das vorgehabt, Mubarak und Ghaddafi bereiten ebenfalls ihre Söhne auf die Herrschaft vor und das in Republiken! |
| Saki: |
Dein Roman teilt sich in neun große Bücher, die sich in 28 Kapitel unterteilen, die wiederum aus über 300 Geschichten bestehen. Ich habe mir ein paar der Titel gemerkt: Buch der Liebe, Buch des Todes, Buch des Lachens, Buch der Einsamkeit, Buch der Schmetterlinge, Buch der Farbe. Warum so viele Bücher in einem? |
| Schami: |
Das hat die Geschichte selbst diktiert. Meine Aufgabe bestand nur darin, die Balance zwischen Trauer und Heiterkeit zu halten. |
| Saki: |
Und gibst du mir recht, daß dieser große Roman auch in sich etwas Neues ist. Ich las bisher alle deine Bücher. Nicht nur der Inhalt, der ein Tabuthema behandelt. Er ist in einer ungewöhnlichen Form geschrieben. Ist hier ein neuer Schami? |
| Schami: |
Ich suche bei jedem Roman lange nach der passenden Form, die das Thema verlangt. Doch meine Seele liegt in jedem Roman. Es ist ein Mosaikbild aus vielen Steinen. Der einzelne Stein muß schlicht und kompakt bleiben, die Poesie entsteht dann bei der Zusammenfügung all dieser bunten Steine. Das ist das Neue. Nur die Knappheit der einzelnen Momente macht eine spannende Poesie möglich. |
| Saki: |
Obwohl Farid und Rana im Mittelpunkt stehen, zeichnest du hier keine Porträts, wie wir das von Thomas Mann, Grass oder Süskind kennen. |
| Schami: |
Eben, weil ich kein deutscher, sondern ein deutschsprachiger Schriftsteller bin. Also das, was in Paris selbstverständlich ist, daß dort ein Marokkaner, ein Chinese und ein Chilene in französischer Sprache erzählen und dies wiederum völlig anders als ihre französischen Kollegen, muß hier in Deutschland noch erlernt werden. Deutschsprachig waren immer nur Deutsche, Österreicher und Schweizer. Nun schreiben auch andere auf deutsch und bringen nicht nur neue Themen, sondern auch eine neue Erzählart. In meiner arabischen Erzählweise gibt es keinen Platz für Porträts. Die Personen sind ein wichtiger Teil des gewebten Teppichs und nicht dessen Mittelpunkt. |
| Saki: |
Deine Helden fliehen am Ende und genießen ihre Liebe. Fast autobiografisch? Ich habe dir damals übelgenommen, daß du geflüchtet bist. Wir hätten dich sehr gebraucht in unserer Mitte. Nun bin ich selbst emigriert. Trotzdem bleibt die Frage: Siehst du in der Flucht ein Heilmittel? |
| Schami: |
Nein. Aber zurück zum Begriff Flucht. Flucht kann weise sein, lebensrettend, eröffnet neue Möglichkeiten. Ich habe dir damals im Abschiedsbrief geschrieben, daß, wenn ich bliebe, ich im Gefängnis oder in der Psychiatrie sterben würde - je nachdem wohin sie mich steckten - und davon hättet ihr im Untergrund nichts gehabt. Durch meine Flucht konnte ich meine Zunge retten.
Ich empfehle im Roman nichts. Ich versuche eine Liebesgeschichte unter ungünstigen Bedingungen glaubwürdig ohne Ideologie und ohne Moralpredigten zu erzählen. |
| Saki: |
Und wird man dir vorwerfen, daß du einen Roman mit Happy-End geschrieben hast? |
| Schami: |
Das würde mir nichts ausmachen. Ich werde lachend entgegenhalten: Seid nicht so humorlos und geizig, von dreihundert unglücklichen Helden, die ich bisher erfunden habe, dürfen doch zwei Glück haben. |
| Saki: |
Ich werde dich verteidigen, weil Rana und Farid das Glück nicht geschenkt bekommen, sondern über große Umwege erkämpfen. Ich tue das aus reinstem Vergnügen, weil es mich privat betrifft. Meine Frau Salma hat sich auch gegen das Verbot aufgelehnt und sich für mich entschieden. Es ging bei uns gut aus. Hast du Salma als Vorbild für Nadia, Josefs Frau, genommen? |
| Schami: |
Ja, aber du hast für fast siebzig Prozent von Josef Modell gestanden. Vor allem mit deiner besessenen Liebe für Bücher und deiner ungewöhnlichen Beschäftigung mit 1001 Themen. |
| Saki: |
Du hast aber aus mir einen Geographen gemacht. Ich habe Erdkunde gehaßt. |
| Schami: |
Ich auch. Das war eine kleine Rache. Manchmal habe ich beim Schreiben Tränen gelacht. Aber Josef ist etwas mürrischer, mißtrauischer und vor allem häßlicher als du. |
| Saki: |
Danke, danke. Aber Rana hat mich mehr beschäftigt als alle Männer im Roman. Sie verwandelt sich fast kafkaesk in einen Kaktus. Sie lebt mit seiner Geduld in der Wüste. Liebst du Kakteen? |
| Schami: |
Ja, schon als Kind züchtete ich sie. Kakteen haben mich immer fasziniert, weil sie aus der schlechtesten Voraussetzung das schönste machen. Hast du jemals den Augenblick erlebt, wenn ein Kaktus seine Blüte entfaltet? |
| Saki: |
Nein, ich war, wie du weißt, immer ein verdorbener Städter. |
| Schami: |
Dann fehlt dir noch ein Stück Schönheit dieser Erde. |
| Saki: |
Dann werde ich jetzt gleich nach unserem Gespräch zum nächsten Blumenhändler gehen und mir Kakteen kaufen, und werde sagen, mit sechzig habe ich erlebt, wie ein Kaktus blüht. Dabei wollte ich eigentlich nur den neuen Roman eines Freundes besprechen. |