Deutscher Taschenbuch Verlag Carl Hanser Verlag
Rafik Schami
Rafik Schami
Die dunkle Seite der Liebe (3-446-20536-5)
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Schami, Rafik
Die dunkle Seite der Liebe
Roman
896 Seiten

Euro 24,90 € [D] 25,60 €[A]
sFr 44,50 €

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Der Ort des Geschehens

Wenn wir auf der letzten Seite von Rafik Schamis großem Roman angekommen sind, sind wir nicht nur Zeugen der - fast - unmöglichen Liebe zwischen Rana und Farid und ›Zuhörer‹ einer verschwenderischen Zahl von unvergeßlichen Geschichten rund um das Leben in Damaskus und dem Bergdorf Mala geworden. Uns wurden auch Schamis venezianische Vorfahren vorgestellt. Und wir haben über eine Zeitspanne von mehr als hundert Jahren bis in die Gegenwart die Geschicke eines Landes und seiner Bewohner miterlebt, dessen jüngere Geschichte verglichen mit anderen Ländern des Nahen Ostens in seiner kulturellen und religiösen Vielfalt und seiner politischen Wechselhaftigkeit trotz des derzeitigen Interesses an dieser Region weitgehend unbekannt geblieben ist.

Syrien - ein Land, seine Geschichte und seine Religionen

Syrien, wie es auf den heutigen Landkarten zu finden ist, existiert als souveräner Nationalstaat erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nachdem sich im Jahre 1946 die letzten Truppen der französischen Imperialmacht zurückgezogen hatten, wurde die Syrische Arabische Republik ausgerufen. Zu diesem Zeitpunkt blickte die Region bereits auf eine über 2500 Jahre alte Geschichte der Besetzung durch fremde Mächte zurück. Nachdem die Babylonier im 7. Jahrhundert vor Christus das Assyrische Reich zerschlagen hatten, wurde die Region zunächst eine Provinz Babyloniens. Dies blieb sie bis ins Jahr 538, in dem die Babylonier ihrerseits von dem Perserkönig Kyros besiegt wurden, der den syrischen Großraum zur persischen Provinz erklärte. Als solche existierte sie etwa 300 Jahre lang, bis Alexander der Große die Perser besiegte und die Hellenisierung Vorderasiens einleitete, die erst 900 Jahre später mit der Islamisierung enden sollte. Syrien wurde in dieser Zeit zunächst griechisch und anschließend römisch regiert, mit Antiochia als neuer, von einem Feldherrn Alexanders gegründeter Hauptstadt. Sie wurde kurz nach dem Tod Christi im Jahre 33 zu einem Zentrum der christlichen Bewegung. Nachdem sich der Christenverfolger Saulus nach einer Erleuchtung vor Damaskus zum Glauben Jesu bekehrt hatte, entwickelte er unter dem Namen Paulus in Antiochia seine Theologie, und auch die vier Evangelien werden um 70 bis um 100 im Umkreis von Antiochia geschrieben. Wenig später entstehen dort auch die ersten Christus-Bildnisse und Kreuzsymbole. Syrien bildete zu dieser Zeit also die Hochburg des Christentums, das sich in den folgenden Jahrhunderten in eine Vielzahl verschiedener, zum Teil heftig rivalisierender Glaubensrichtungen aufspalten sollte. Doch dazu später mehr.

Mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches und der gegenseitigen Schwächung des Oströmischen und des Perser-Reichs begann um 500 die Ausbreitung der Araber im syrischen Großraum, wobei die Omayyaden als erste arabische Dynastie ihren Sitz von Medina - der ehemaligen Hauptstadt des entstehenden islamischen Reiches - nach Damaskus verlegten. Der Koran schrieb den Arabern zwar vor, das Christen- und Judentum als "Buchreligionen" zu tolerieren. Ihre Anhänger, die "Schriftbesitzer", wurden allerdings nur widerwillig und gegen die Errichtung von Steuern als Schutzbefohlene anerkannt. Die anfangs noch relativ geringen Spannungen zwischen Muslimen und Christen mußten sich zwangsläufig mit dem Beginn der christlichen Kreuzzüge im 11. Jahrhundert verstärken, die erst nach 200 Jahren unter dem maßgeblichen Einfluß des Feldherrn Saladin beendet werden konnten. Im Zuge der Herrschaft seiner Dynastie der kurdischen Ayyubiden vereinigte Saladin Ägypten und Syrien und entwickelte sich zum entscheidenden Kulturförderer der Region. Doch schon wenig später - im Jahre 1260 und dann erneut im Jahre 1400 - werden Damaskus und Aleppo von den Mongolen eingenommen und verwüstet. Erst unter der Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich mit Beginn des 16. Jahrhunderts erlebt die Provinz Syria, die sich über das heutige Syrien, den Libanon und Palästina erstreckte, einen erneuten kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung. Sie wird zur Handelsdrehscheibe des Nahen Ostens mit Aleppo als der wichtigsten Handelsstadt.

Doch mit den imperialistischen Bestrebungen der europäischen Staaten Frankreich und England setzte schließlich Ende des 18. Jahrhunderts jene Turbulenzphase im Nahen Osten ein, aus der schließlich das Syrien in seinen heutigen Grenzen hervorgehen sollte. Zunächst waren es die Franzosen unter Napoleon I., die 1798-1799 versuchten, Ägypten und Syrien unter ihre Kontrolle zu bringen. Allerdings erlangen sie zunächst nicht mehr als die indirekte, vom osmanischen Sultan bewilligte Kontrolle über den Verwaltungsbezirk Libanon innerhalb der Provinz Syria. Dagegen gelang es 1882 den Briten, Ägypten zu besetzen. Die folgenden Jahrzehnte waren von einem strategischen Doppelspiel der Franzosen und Briten bestimmt: zum einen verbündeten sie sich mit den Arabern mit dem Ziel der Vertreibung der Türken, zum anderen brachen sie wiederholt die Versprechen gegenüber ihren Verbündeten, denen sie ein Großarabisches Reich in Aussicht stellten. Tatsächlich dehnten sie nämlich ihren eigenen Machtbereich bis zur französischen "Mandatsherrschaft" über den "autonomen Staat Syrien" im Jahre 1920 bis zur Besatzung während des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich aus. Erst als sie unter dem wachsenden Druck der syrischen Nationalisten schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg das Land verlassen mußten, wurde Syrien formell unabhängig.

Doch die politische Stabilität in dem neu gegründeten Nationalstaat war von Anbeginn durch eine Reihe widerstreitender religiöser und politischer Gruppierungen bedroht. In einer Region, deren Bewohner sich traditionell nach ihrer Stadt, ihrem Dorf, ihrer Reli-gion, ihrer Sippe und gelegentlich als Untertanen einer bestimmten Dynastie definierten, ergaben sich für eine zentralistische Regierung naturgemäß Probleme. Für die regierende arabisch-nationalistische Baath-Partei kam erschwerend hinzu, daß sich ihre Führungsschicht überwiegend aus griechisch-orthodoxen Christen und den Mitgliedern der schiitischen Sekten der Alawiten und der Drusen zusammensetzte, die in dem überwiegend von sunnitischen Muslimen bewohnten Staat (mit einer starken christlich-katholischen Minderheit) als "ketzerisch" abgelehnte Gruppen bildeten. Angesichts dieser unvorteilhaften Ausgangslage organisierte die Partei bereits in ihrer Frühphase eine straffe Überwachungsdiktatur von Offizieren und Geheimpolizisten, unter der die Mehrheit wirksam kontrolliert wurde und jeder politische Gegner ohne Angabe von Gründen brutal verfolgt und inhaftiert werden durfte.

Zwischen 1958 und 1968, als sich Farid, aktiv als Mitglied einer kleinen kommunistischen Partei, und Rana zum ersten Mal in Damaskus begegnen, wurden diese staatlichen Kontrollmaßnahmen besonders scharf umgesetzt. Der Grund war, daß sich die Baath-Partei selbst immer wieder von internen Rivalitäten zwischen verschiedenen Offizierscorps und Sippen sowie von nationalen und internationalen politischen Gruppierungen wie der radikal islamischen Muslim-Bruderschaft und den Kommunisten bedroht sah. Wiederholt kam es daher zu willkürlichen Verhaftungen, Folterungen und blutigen Machtkämpfen, deren Anzahl erst in den 70er-Jahren unter Hafiz Al-Assad verringert werden konnte.

Doch auch abseits der offiziellen Parteiherrschaft brachten die traditionellen religiös-gesellschaftlichen Konfliktlinien innerhalb der syrischen Bevölkerung immer wieder Unruhen und Verfolgungen mit sich. Eine grundlegende Spannung herrschte, wie bereits erwähnt, unter den widerstreitenden messianischen Glaubenslehren der heimischen Muslime, Juden und Christen. Während sich die jüdische Glaubensgemeinschaft aufgrund der seit Jahrhunderten währenden Diskriminierung und Verfolgung in Syrien inzwischen fast gänzlich aufgelöst hat, bilden die Christen heute noch etwas mehr als ein Zehntel der Bevölkerung. Doch auch ihre Zahl ist deutlich am Abnehmen. Familiäre Bindungen zwischen den verschiedenen Religionsanhängern sind dabei so gut wie ausgeschlossen. Entsprechend der patriarchalisch geprägten arabischen Sitten ist es muslimischen Männern zwar grundsätzlich erlaubt, christliche Frauen zu heiraten. Doch im Falle einer solchen Heirat würde sich das Problem ergeben, daß die Trennung der verschiedenen Wohnviertel der Städte und Dörfer nach den einzelnen Konfessionen ein Zusammenleben praktisch unmöglich macht. Daher ist es in der Realität so, daß Christen niemals einen Muslimen zum Ehepartner wählen dürfen.

Bis heute sind allerdings die Beziehungen zwischen den verschiedenen Konfessionen innerhalb der einzelnen Glaubensrichtungen noch konfliktträchtiger als die zwischen den großen Weltreligionen selbst. So streiten sich im Islam seit dem Tod des Religionsstifters Mohammed im Jahre 632 die Sunniten und die Schiiten über dessen rechtmäßige Nachfolge. Zwar bilden die Schiiten in Syrien mit einem Anteil von weniger als einem Viertel die Minderheit der Muslime. Gerade in Damaskus befindet sich jedoch einer ihrer wichtigsten Pilgerorte.

Seit der Ermordung des Enkels Mohammeds, Hussein Ibn Ali, der in den Augen der Schiiten einzig rechtmäßige Nachfolger des Propheten, im Jahre 680, herrscht zwischen den Sunniten und Schiiten eine tiefgehende Feindschaft. Von besonderer Bedeutung für die syrische Politik ist dabei die Tatsache, daß es sich bei den Alawiten um eine schiitische Sekte handelt, aus der sich seit Jahrzehnten gegen den Willen der sunnitisch-muslimischen Mehrheit die Führungselite der baathistischen Regierungspartei rekrutiert.

Und auch die christliche Glaubensgemeinschaft ist in Syrien alles andere als einheitlich. So leben noch heute allein in Syrien elf verschiedene kirchliche Konfessionen nebeneinander. Ein besonders belastetes Verhältnis besteht dabei zwischen den meist griechisch-orthodoxen arabischen Christen und den römisch- bzw. griechisch-katholischen Christen. Das Patriarchat der griechisch-orthodoxen Kirche hat ihren Sitz seit 1453 in Damaskus und steht unter dem Primat der Kirchenoberhäupter von Konstantinopel und Istanbul. Erst seit 1899 wird der Patriarch von der heimischen Kirche gewählt. Zu den 19 griechisch-orthodoxen Klöstern in Syrien zählt auch das Takla-Kloster von Maalula, das uns in dem Roman unter anderem als Schauplatz einer Feier der ganz besonderen Art begegnen wird.

Heute ist die ursprünglich griechischsprachige Kirche völlig arabisiert und teilt mit ihrer Umwelt einen gemäßigten, aber betont arabischen Standpunkt in politischen und gesellschaftlichen Fragen.

Ihnen stehen die zwei verschiedenen Richtungen der katholischen Kirche Syriens gegenüber. Im Jahre 1724 hat sich von der griechisch-orthodoxen die griechisch-katholische Kirche abgespalten, die an verschiedenen Konzilsentscheidungen festhielt, die von der griechisch-orthodoxen Kirche nicht getragen wurden. Zuvor existierte bereits die mit Rom vereinigte syrisch-katholische Kirche, die ihr Patriarchat nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aufgrund des blutigen Terrors der Jungtürken in das französische Mandatsgebiet nach Beirut verlegte. Aus dieser Zeit rührt auch die Bedeutung Beiruts als Zufluchtsort syrischer Christen, die auch für unsere Helden Claire, Surur, Rana und Farid in entscheidenden Momenten zum Tragen kommen wird.

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