Rafik Schami erhielt am 30. Oktober 2011 den Preis "Gegen Vergessen – Für Demokratie". Damit zeichnet die gleichnamige Vereinigung den großen Einsatz des Autors für Demokratie und Menschenrechte aus.
Hier finden Sie Auszüge aus dem Interview des Schriftstellers mit der Jounalistin Nadia Midani zur aktuellen Lage in Syrien.

Das ungekürzte Interview können Sie hier lesen.

Unzeitgemäß

Gedanken über Herrscher, die Gefangene ihres Systems wurden und warum sie scheitern mussten.

Ein Gespräch mit Rafik Schami

(...)

Nadia Midani: Wo und wann genau hat denn der syrische Aufstand angefangen?

Rafik Schami: Es war am 15.3.2011, und es waren Kinder, die ungewollt in der bis dahin schläfrigen, staubigen Stadt Daraa den Aufstand anzettelten. Sie schrieben unschuldig und arglos mit Kreide und Spray das auf die Mauern, worüber die Erwachsenen nur leise sprachen. Der Chef des Geheimdienstes in Daraa, ein Cousin des Präsidenten, ließ die Kinder daraufhin gefangen nehmen und foltern. Das war für die Eltern unerträglich.

Nadia Midani: Ich hoffte aber, im Gegensatz zu Ihnen, immer noch, dass der Sohn nun nach und nach Reformen durchsetzt und Syrien in eine vielstimmige Demokratie führt... Nun, ich gebe zu, mit Asche auf dem Haupt, ich habe damals Ihre sture Ablehnung öffentlich kritisiert, als Sie geschrieben haben "Syrien braucht Demokratie und keine Assad-Erben". Trotzdem frage ich jetzt, hätte es an Stelle der Rebellion andere Möglichkeiten gegeben?

Rafik Schami: Meine unversöhnliche Haltung hatte und hat mit meinem Exil zu tun, das neben seinen bekannten Nachteilen auch Vorteile hat. Man kann sich besser informieren und seine Gedanken frei entwickeln und äußern. Syrien war die erste arabische Republik, in der Herrschaft vererbt wird. Als gäbe in ganz Syrien keine fähigen Frauen oder Männer, die dieses Land regieren könnten – und zwar nach dem Willen des Volkes. Diesen blassen Mann Baschar al Assad, der mit Politik nichts zu tun haben wollte, als Nachfolger zu benennen, war eine Beleidigung des republikanischen Gedankens. Die Geheimdienste hatten große Bedenken. Man hat dem Mann im Schnellkurs Umgangsformen beigebracht und erhob ihn in Militärränge, die normalerweise 20 Jahre Erfahrung in einer Armee verlangen. Man hat ihn dann als "Reformer" verkauft, und er ließ öffentlich ein paar Arbeitskreise tagen, natürlich unter genauer Beobachtung des Geheimdienstes. Er erlaubte eine satirische Zeitschrift und ließ ein paar korrupte Minister verhaften. Es war ein Schauspiel, dessen Regie er führte, von Anfang an, bis alle Armeegeneräle, alle politischen Führungskader entweder ihre Loyalität bekundeten, oder entlassen wurden. Und dann regierte er elf Jahre ohne eine einzige Reform. Das alles war vom Ausland aus besser zu überblicken als im Inland. Wir, hier im Exil, beobachteten die Euphorie skeptisch und sahen, wie die alte Mafia nur durch ihre Söhne ersetzt wurde. Das war die einzige Änderung. Und das Regime dieser Söhne wurde noch frecher. Wer hat alle Telekommunikationsrechte an seinen Cousin verschenkt? Wie kann ein Cousin des Präsidenten von einem Habenichts in zehn Jahren zu einem Milliardär werden? Woher stammen die Milliarden der Familie Assad auf den europäischen und amerikanischen Banken?
Und dann verkauft der gleiche Assad sich vor seinem Volk als Gegner der Amerikaner.

Nadia Midani: Aber trotzdem, warum kann so ein Regime nicht reformiert werden?

Rafik Schami: Weil es bereits beim ersten Schritt einer ernsthaften Reform von innen heraus zusammen bricht, implodiert. Dieser erste Schritt wäre die Auflösung aller 15 Geheimdienste. Der zweite Schritt dann, dem syrischen Volk die geraubten Milliarden zurückzugeben. Wir brauchen keine Entwicklungshilfe.
Alles andere ist nur oberflächliches Theater für eine ebenso oberflächliche Presse. Trotzdem, eine Möglichkeit gab es für ein paar Tage. Unmittelbar nach Ausbruch des Aufstands am 15.3.2011 hätte der Präsident, gestützt auf die Massen, die niemals und nirgends zu seinem Sturz aufriefen, sondern für Freiheit, Demkratie und gegen die Korruption demonstrierten, einige seiner besten Berater um sich scharen und sofort die Geheimdienste auflösen können. Er hätte radikale Reformen einführen müssen, in täglich kontrollierbaren und nachvollziehbaren Schritten. Er wäre zum Helden des Volkes geworden und das hätte ihn und sein Leben geschützt. Aber vielleicht wäre er tot gewesen, noch bevor er den letzten Satz seiner geplanten Reform ausgesprochen hat. Von seinen eigenen Schergen ermordet.
Dann wäre allerdings der Wechsel zur Demokratie schneller passiert, weil die keine Zeit gehabt hätten, einen Nachfolger aufzubauen.
Was aber hat er gemacht? Er ist erst einmal 14 Tage verschwunden und gab seinem mörderischen Bruder Maher al Assad, und seinem Schwager Assef Schaukat den Befehl, alles zu ersticken. Bis heute hat er, autistisch wie alle arabischen Diktatoren, nichts gelernt. Er taucht auf, verspricht Reformen, verspricht, dass ab sofort nicht mehr auf die Demonstranten geschossen werde und am darauffolgenden Tag werden doppelt so viele ermordet.

(...)

Nadia Midani: Wie groß ist der Einfluss von Schriftstellern und Kulturschaffenden auf die Demokratisierung Syriens? Müssen sich Intellektuelle zu Politik und Revolutionen äußern?

Rafik Schami: Literatur und Kunst können nur einen indirekten politischen Einfluss nehmen. Und immer wenn sie versuchten, direkt zu werden, hatte das katastrophale Folgen. Die Rolle der Künstler, Schriftsteller oder Intellektuellen ist m.E., die Diskussion während der Revolution zu vertiefen, die Menschen zu ermutigen, einen humanen Weg einzuschlagen und die Hand auch den einstigen Feinden zu reichen. Sicher, unabhängige Gerichte müssen für eine gerechte Bestrafung jener Verbrechen sorgen, die die gestürzten Herrscher begingen. Aber nicht als Racheakt, sondern im Sinne eines demokratischen Reifungsprozesses. Die Flucht vor der Verantwortung mit scheinheiligen Argumenten wäre ein Fehler.

Nadia Midani: Gibt es syrische Künstler, die sich im Inland politisch engagieren? Was wird aus denen, die mit der Macht arbeiteten?

Rafik Schami: Sicher gibt es sie. Sowohl im Exil, als auch in Syrien gibt es mutige Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle, die gegen die Diktatur sind. Es gibt aber auch jene, die grundsätzlich mit den Diktatoren liebäugeln und deren Förderungen und Preise kassieren. Der Witz der Geschichte ist, dass man dieselben Namen später auf den Unterschriftenlisten der Umstürzler wieder finden kann.
Aber jetzt veröffentlichen die Revolutionäre die Namen dieser korrupten Kriecher. Diktatoren ähneln Kernkraftwerken: Sie versprechen viel und verseuchen jeden, der mit ihnen in Berührung kommt. Es sind nicht nur Araber, die den Diktatoren huldigen. Auch Deutsche und Europäer verführt immer wieder das Geld, und so wurden sie zu Handlangern von Saud, Assad, Gaddafi und Saddam Hussein.

(...)

Nadia Midani: Nehmen wir an, Assad wird stürzen. Was kommt danach? Welche Gefahren lauern dann? Was, wenn die Fundamentalisten Syrien in einen Gottesstaat verwandeln wollen?

Rafik Schami: Langsam, langsam. Assad ist noch nicht gestürzt und ich fürchte, er wird nicht abdanken, ohne einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Hier hätte er Gaddafi als Vorbild. Das wäre die größte Katastrophe, und davor warne ich in allen meinen Artikeln in den oppositionellen Zeitungen. Weil so viel Blut geflossen ist, und weil Fundamentalisten gegen die Alawiten hetzen, und nun im Augenblick des Sieges Rache nehmen werden, ist diese Gefahr da. Aber dagegen steht die Mehrheit der Aufständischen, die für eine demokratische, freiheitliche Republik sind. Wir müssen lernen zu verzeihen, und Verzeihen bedeutet etwas zu vergessen, sonst wird das Leben unmöglich. Syrien ist mit seinen vielfältigen, religiösen und ethnischen Minderheiten ungeeignet für einen Gottesstaat. Die Partei der Muslimbrüder ist aktiv, aber sie würde bei einer Wahl nicht einmal 10% der Stimmen bekommen, und die soll sie bekommen, aber sie muss erst die Gesetze des demokratischen Staates akzeptieren und offiziell erklären, dass sie gegen das Kalifat ist, die Christen akzeptiert und ihre Finanzen und ihre Beziehung zu Saudi-Arabien klar legen. Ohne Saudi-Arabien ist diese Partei harmlos. Damit wird sie zu einer syrischen CSU und damit könnten wir leben.

(...)

Nadia Midani ist Journalistin, 1955 in Damaskus geboren, studierte in Paris Soziologie und promovierte über "Sippen- und Dorfstrukturen der arabischen Metropolen". Sie arbeitet bis heute als Journalistin in Damaskus und Paris. Das Regime duldete sie, wegen ihrer mächtigen Sippe, wie sie ironisch sag. wurde sie nie verhaftet. Onkel Schwager und Cousins aus der Midani-Sippe waren in den letzten 40 Jahren führende Generäle und Minister. Aber Nadia Midani, das schwarze Schaf der Familie, durfte nie in der staatlichen Zeitung veröffentlichen. Sie gehörte jahrelang zur Redaktion der arabischen Ausgabe der französischen Monatzeitschrift "Le Monde diplomatique" in Beirut.