Ein Garten für die Jugend

Liebe Jugend, die heute hier durch euch liebe Schüler und Schülerinnen des Weilheimer Gymnasiums vertreten ist, die sich aber auch in den Herzen vieler Erwachsener bewahrt hat,

Bevor ich mit meiner eigentlichen Rede anfange, sollte ich euch anstandshalber verraten, wie sie zustande kam.
Als ich kurz davor war, meine Rede für euch zu schreiben, mußte ich noch schnell Blumen für eine Feier besorgen. Der Blumenladen war voll, also wartete ich und beobachtete dabei die Floristin, wie sie genießerisch einen prächtigen Strauß kreierte. Ihre Begeisterung wuchs mit dem Umfang ihres Werks. Die linke Hand hielt das vorläufige Ergebnis fest, während die rechte, einem Schmetterling gleich, immer neue Blumen plazierte. Hin und wieder schaute sie den Strauß versonnen an, und ich sah ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. Fast unwillig gab sie ihn der wartenden Kundin.
Meine Rede für euch sollte auch ein Blumenstrauß werden, zum Dank dafür, daß ihr mir den begehrten Weilheimer Literaturpreis zugesprochen habt. Die Idee mit dem Strauß gefiel mir im ersten Augenblick sehr, aber dann kam ein merkwürdiges Unbehagen auf. Ich wußte nicht, warum.
Da ich die Gnade habe, mit einer Malerin und Autorin zu leben, und wir beide nicht gerade zur Gattung der stillen Grübler gehören, sondern erzählend an Gedanken und Ideen schleifen, berichten wir uns gegenseitig von unseren Projekten. Wir begleiten einander und diskutieren leidenschaftlich. Die Entscheidungen muß aber jeder für sich treffen.
Ich erzählte also mir und meiner Frau von meiner Rede als Blumenstrauß. Sie fand die Idee "gut". Bei meiner Frau bedeutete das, es fehlte noch etwas an diesem Einfall, etwas, das ihm das I-Tüpfelchen aufsetzen würde.
"Warum ein Strauß? Der ist schnell vergänglich. Warum schenkst du der Jugend keinen Garten?" sagte sie zu mir am nächsten Morgen beim Teetrinken - ungefragt, als hätte sie sich die ganze Nacht mit der Rede beschäftigt.
Sie schenkte mir also die Idee mit dem Garten, und ich krempelte die Ärmel hoch und holte mir einen Spaten.

Ich möchte euch nun einen blühenden Garten anlegen, einen Garten mit Geheimnissen, in dem ihr, heute mit mir und hoffentlich auch in Zukunft, spazierengehen könnt.
Dunkle Damaszener Rosen setze ich gleich an den guten sonnigen Platz rechts vom Eingang. Die ersten Blätter strecken ihre Arme aus dem erstarrten Winterholz, als würden die Blumen beim Aufwachen gähnen.
Die Damaszener Rose, die Mutter aller europäischen Rosen, war einst beheimatet in Damaskus. Sie kam mit den Kreuzfahrern nach Europa und brachte hier unzählige farbenprächtige und wohlriechende Enkel hervor, die die Ahnherrin nicht selten an Duft und Anmut übertrafen.
Wenn ich diese Rose sehe, die einst in die Ferne ging, um sowohl sich als auch die Fremde zu bereichern, denke ich daran, wie wenig begründet auch meine Ängste vor der Fremde waren. Ich war ein glücklicher Junge in meiner Heimatstadt Damaskus und halte sie noch heute für die schönste Stadt der Welt. Damals dachte ich, ich könnte nicht zwei Wochen in der Fremde überleben. Und heute? Ich bin seit zweiunddreißig Jahren hier.
Ich denke beim Anblick einer roten Rose an erster Stelle an Onkel Salim, den weltweit berühmtesten Kutscher.
Eines Tages verriet er mir, warum er weder Schaf- noch Kuhmilch, sondern ausschließlich Ziegenmilch trinkt.
"Schafe sind gehorsam", sagte er. "Und Kühe sind gleichgültig", fügte er hinzu und erklärte mir, wie die Milch den Charakter ihrer Trinker verändert. Schafe halten ihre Köpfe immer tief und nehmen bescheiden nur das, was man ihnen erlaubt. Salim trinkt jedoch Ziegenmilch, weil diese Teufelstöchter aufmüpfig sind und immer das nehmen, was sie wollen. Nicht selten stehen sie sogar senkrecht auf den Hinterbeinen und fressen die Rosen der Gärten und Hecken, an denen sie vorübergehen. "Die Milch dieser Ziegen schmeckt nicht nur nach Rosenblättern, sondern sie macht auch mutig."

Zwei, drei Schritte weiter pflanze ich für euch einen jungen Mandelbaum. Mandelbäume bekommen als erste Blüten und geben erst spät im Herbst, fast als letzte, die Früchte.
Für meinen Vater war der Mandelbaum ein negatives Sinnbild der Jugend, da er zu früh aufblüht, viel verspricht und dann zu spät Früchte trägt.
"Aber was für Früchte!" hielt meine Mutter dagegen, die den Mandelbaum liebte.
Mein Vater hatte keine Jugend. Zu seiner Zeit war man entweder Kind oder Erwachsener. Mit siebzehn war er bereits verheiratet und mußte eine Familie ernähren.
Als ich ihm eines Tages feierlich eröffnete, ich sei nach den Worten meines Lehrers der geborene Erzähler, lächelte er abweisend. "Erlerne erst einmal einen anständigen Beruf", sagte er. Mein Vater las gerne und viel. Er verehrte aber nur die alten arabischen Philosophen und Lyriker, und natürlich die Bibel. Mit einem "anständigen Beruf" meinte er solide Finanzen. Er kam wieder auf den Mandelbaum zu sprechen.
Es war Anfang März, ein sonniger, aber sehr kalter Nachmittag. Als mein Vater ins Café ging, um sich mit seinen Freunden zu treffen, sagte meine Mutter zu mir: "Komm, ich möchte dir unbedingt etwas zeigen."
Sie nahm mich mit in einen nahen Garten, der uns in seiner ganzen Blütenpracht empfing.
"Das sind die Mandelbäume", sagte sie.
Ich beschloß an diesem Tag, Schriftsteller zu werden. Ich kehrte zurück und schrieb mein erstes langes Gedicht. Heute weiß ich, daß es kitschig, sentimental und dilettantisch war, aber ich behalte es gerne. Es riecht nach Mandeln.

Nicht weit vom Mandelbaum entfernt, setze ich einige rote und weiße Nelken für euch. Nelken gelten seit Mitte der siebziger Jahre als Symbol einer friedlichen Rebellion gegen die Diktatur. Die portugiesischen Soldaten und jungen Offiziere stürzten 1974 ihre über vierzig Jahre andauernde brutale Diktatur ohne einen einzige Schuß, anschließend steckten sie Nelken in den Lauf der Gewehre. Das Bild ging um die Welt.
Bei Nelken denke ich immer an unsere Nachbarin Nadime, die Hebamme. Sie blieb bis zu ihrem Tod jung. Noch mit zweiundachtzig war sie neugierig, voller Anteilnahme, und sie liebte das Abenteuer....und die Nelken.
Mit dreizehn wagte ich es, ihr von meiner flammenden Liebe zu einer Freundin zu erzählen, und ich erwartete Tadel, denn ich bin Christ und meine Angebetete von damals war Muslimin. Solch eine Liebe war, und ist es heute noch, von Staat und Gesellschaft strengstens verboten. Christen und Muslime dürfen sich die Köpfe einhauen, aber einander zu lieben ist strafbar und kann das Leben kosten.
Als ich Nadime mein Geheimnis anvertraute, atmete sie erleichtert auf. "Die ganze Zeit", sagte sie, " habe ich mir Gedanken darüber gemacht, warum du dich noch nicht verliebt hast."
Nadime pfiff auf das Verbot. "Liebe", sagte sie, "fragt nie nach einer Genehmigung, und wenn sie fragt, so ist sie keine."
Von nun an war sie meine treue Beraterin.
Als ich ihr einmal aus Goethes Diwan den Vers " Jugend ist Trunkenheit ohne Wein" vorlas, rief sie aus: "Dann bin ich Alkoholikerin." Nadime war eine Genießerin, die gerne und viel lachte. Die Erwachsenen mieden sie - manche aus Angst, weil sie sich angeblich auf Zaubersprüche verstand, mit denen sie jeden Erwachsenen in einen Esel verwandeln konnte.
"Das stimmt", sagte sie, als ich sie etwas ängstlich danach fragte. "Aber mein Zauber gelingt nur bei Erwachsenen, die nicht lachen können. Und das ist", fügte sie hinzu, "sehr leicht, weil diese auch ohne meinen Spruch bereits halbe Esel sind."

Ich grabe euch ein paar Narzissen-, Tulpen- und Schneeglöckchenzwiebeln ein, und in die Mitte setze ich eine weiße Rose. "Die weiße Rose" gilt in Deutschland als Symbol für die aufrichtige und mutige Jugend. Mich erinnert eine weiße Rose an Onkel Munir. Er hatte einen winzigen Garten, wo er nichts als weiße Rosen züchtete. Er war Buchhalter in der staatlichen Tabakfabrik. Wenn er nach Hause kam, legte er Anzug und Krawatte ab - die Kleidung, die bei uns in den sechziger Jahren in Anlehnung an Europa aufgekommen war. Er legte sich sein arabisches Gewand an. "Mit dem Anzug verdiene ich mein Geld", sagte er mir eines Tages und lächelte. "Manchmal möchte ich ihn aus purer Dankbarkeit ins Restaurant einladen, ihm die Speisekarte zeigen und dann bestellen. Und jeweils, wenn der Ober Suppe, Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch und den obligatorischen Mokka danach serviert, möchte ich leise ausrufen: ‚Genieße es, mein Anzug. Du hast es ja verdient!' und die Speisen seelenruhig auf das gute Tuch kippen. Aber ich glaube, an jenem Abend würde ich in der Klapsmühle übernachten, und das hat mein Anzug wirklich nicht verdient", fügte er hinzu und lachte.
Onkel Munir war ein engagierter Mensch, und deshalb kam er beruflich nicht weiter. Dreimal saß er im Gefängnis. Einmal, weil er öffentlich addierte, was beim Industrieminister, einen Schwiegersohn des Präsidenten, innerhalb von drei Jahren an Gehalt zusammenkam, und die Summe mit dem ungeheuer großen Vermögen verglich, das der Politiker in der kurzen Amtszeit zusammengerafft hatte. Und zweimal saß der Onkel wegen desselben Witzes:

Der Innenminister, ein Schwager des Präsidenten, hörte eines Morgens als er an einem Denkmal eines Nationalhelden vorbeiging, den Mann in Bronze jammern: "Was für eine undankbare Regierung. Ich habe mein junges Leben für das Vaterland im Kampf gegen die Kolonialisten verloren und stehe seit fünfzig Jahren da. Meine Beine tun weh. Ich bekomme Krampfadern und muß mit ansehen, daß dieser General auf einem Pferd sitzen darf", sagte das Denkmal und zeigte auf eine Statue des letzten Präsidenten, der kurz nach seinem gelungenen Putsch bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, "und was hat er gemacht?" klagte der Nationalheld, "einen Putsch dumm geführt und ein Auto schlecht gefahren. Er bekam einen edlen Araber. Ich will auch ein Pferd". Der Innenminister rannte in den Palast der Republik. Dort rief er den versammelten Ministern und Cousins, Schwiegersöhnen und Schwägern des Präsidenten zu: "Unser Nationalheld Ismail will ein Pferd!"
"Was? Wer? Ismail, der vor fünfzig Jahren gestorben ist?" riefen die Anwesenden und lachten schallend, weil sie die Vorliebe des Innenminister für Arrak kannten. Der Präsident, Sohn des verunglückten Vorgängers aber sprang auf:
"Wehe, du lügst", sagte er, "ich will mir das selbst anhören."
Beide verließen schnellen Schrittes den Palast. Als sie dem Denkmal näher kamen, hörten sie den Mann in Bronze laut jammern: "Ein Pferd habe ich gesagt! Kapiert ihr Idioten nicht? Ich brauche ein edles Pferd und keinen Esel"

Als ich mich der Jugendorganisation einer oppositionellen illegalen Partei angeschlossen hatte, wollte ich mich bei Onkel Munir noch ein bißchen beliebter machen und flüsterte ihm bedeutungsvoll zu: "Seit heute bin ich Mitglied der Jugendorganisation."
Sein Gesicht verdüsterte sich. "Ich dachte, du bist klug", sagte er traurig. "Mein Junge, wer die Jugend politisiert, will sie sich verfügbar machen, ihr Gehorsam und Unterwürfigkeit beibringen. Von heute an bist du nicht mehr jung und frei, sondern ein gefesseltes Parteimitglied."
Ich war bitter enttäuscht. Und verwirrt, denn ich wußte, wie sehr er seinen Bruder Nabil verachtete. Onkel Nabil war ein Multimillionär. Er hatte eine Importfirma für Autos, hielt seine drei Söhne fern jeder Politik und schenkte jedem von ihnen eine teuere amerikanische Limousine zum achtzehnten Geburtstag. "Mein Bruder hält seine Jungen mit Autos, Anzügen und buntem Firlefanz fern von der Politik", kritisierte Onkel Munir. "Er betrügt seine Söhne, weil er sie durch Oberflächlichkeit abstumpfen läßt. Schade um ihre Jugend!"
Ich brauchte Jahre, um meinen weisen Onkel Munir zu verstehen. Er hatte recht: Sowohl der, der die Jugend politisiert, als auch der, der sie aus allem heraushält, betrügt die Jugend. Beide, so unterschiedlich sie sind, haben eines gemeinsam: die Angst vor der Sensibilität der Jugend, welche diese unbestechlich und insofern unberechenbar macht. Sensibilität ist eine Wildkatze, die auf samtenen Pfoten daherkommt und dann losschlägt, wenn man gerade anfängt, sich an sie zu gewöhnen.
Nichts auf der Welt wird so gefürchtet wie die unbestechliche Sensibilität der Jugend.

Jetzt möchte ich euch noch Pflaumen-, Aprikosen-, Kirsch- und Quittenbäume einsetzen, die in eurem Garten wie in der Geschichte schon immer ein Sinnbild für den Dialog zwischen Orient und Okzident waren. Ich habe hier aber weniger die jeweilige Symbolik im Auge als vielmehr eure leiblichen Genüsse. Allein von den süßen Erzeugnissen der Quitte kann ich euch mindestens drei himmlische Genüsse versprechen.

Was aber in keinem Garten, den ich verschenke, fehlen darf, ist ein großes Kräuterbeet. Ich teile es genau auf und setze Thymian, Basilikum, Pfefferminze, Petersilie, Kamille, Koriander, Schnittlauch, Estragon und Zitronenmelisse nebeneinander. So können die Pflanzen sich da unten, nahe dem Boden, miteinander unterhalten.
Minze war das Lieblingskraut meines Freundes Hadi. Er lebte bescheiden wie ein wahrer Sufi. Er war zufrieden und strahlte vor Glück, wenn er nur ein Stück Brot mit Olivenöl, Thymian und Salz zu essen hatte. Er war einer der wenigen aufrichtigen Rebellen, die Arabien hervorgebracht hat, und obschon Moslem, liebte er Jesus, den er für den größten Rebellen aller Zeiten hielt.
Hadi war der erste Mensch in meinem Leben, der mich lehrte, die Sprache genau zu gebrauchen. "Rebellion", sagte er, "wird genau wie viele andere Begriffe falsch verstanden. Wen auch immer du fragst, was er unter einer Rebellion versteht, wirst du hören, daß eine Rebellion mit Gewalt zu tun hat. Eine Rebellion aber ist nichts anderes als eine Veränderung. Das Leben selbst ist eine fortdauernde Rebellion gegen den Tod. Ein Rebell", sagte er und sein Gesicht hellte sich auf, "bleibt nie still. Sein Zuhause ist der stete Wandel, deshalb rostet sein Herz nicht. Es bleibt jugendlich. Unsere Erde braucht viele solche Jugendliche."
"Aber schau dir an, was aus all den Revolutionen geworden ist", wandte ich ein.
"Eben, hier ist auch die Genauigkeit der Sprache gefragt. Ein Revolutionär will im Gegensatz zum Rebellen an die Macht, damit er von oben her die Menschen beglückt. Aber auch wenn er ehrlich ist, klappt das nicht, deshalb altert er schnell. Und wenn er an die Macht kommt, wird er selber ein Hindernis für jede Veränderung.
Ein Rebell jedoch hat keinerlei Ambition in diese Richtung, darin liegt der Unterschied."

Nur ein paar Schritte vom Kräuterbeet entfernt, möchte ich euch eine Sitzecke einrichten, vielleicht aus rötlichem Sandstein mit einem verwitterten runden, weißen Steintisch in der Mitte. Der Tisch soll so stehen, daß ihr auch einmal eine Partie Schach spielen könnt, wenn ihr wollt.
Das Schachspiel ist uralt und hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Immer wenn ich ein Schachbrett sehe, muß ich an meinen Nachbarn Samuel denken. Er brachte mir das Schachspiel bei.
Er wohnte mit seiner Frau in einem kleinen Haus uns schräg gegenüber. Schlechter als diese zwei konnten Eheleute nicht zueinanderpassen. Beide aber ertrugen die Misere mit Geduld. Seine Frau war eine fromme Katholikin. Sie ging jeden Morgen in die Messe und tadelte ihren Mann, weil er lieber Schach spielte. Sie war liebenswürdig, höflich und bescheiden, aber sehr geizig, deshalb mieden die Nachbarinnen sie.
Meine Mutter erzählte, sie erlaube niemandem - nicht einmal Samuel -, im Salon zu sitzen, denn die Sessel und Sofas dort sollten nur dann belüftet und benutzt werden, wenn der Bischof einmal im Jahr, kurz nach Ostern, kam.
Samuel war beliebt. Er scherzte gerne und lachte viel, und wenn er nicht im Café Schach spielte oder sich mit Passanten auf der Straße unterhielt, stand er Sommer wie Winter auf dem Balkon und zog an einer Zigarette. Er durfte in der Wohnung nicht rauchen. Seine Frau hielt Rauchen für eine Sünde, eine Geldverschwendung, und auch den Gestank konnte sie nicht ertragen.
Er rauchte also nie in der Wohnung, bis zu dem Tag, an dem seine Frau durch einen Herzinfarkt im Schlaf starb.
Einen Tag später besuchten ihn die Nachbarn, um nach ihm zu schauen. Sie fanden ihn im Salon. Er saß im bequemsten Sessel, hatte seine Füße auf den Tisch gelegt und rauchte. Die Nachbarn mußten sich durch eine dichte Rauchwolke zu ihm durchkämpfen, um ihn ein wenig zu trösten. Er aber hustete und wiederholte mehrmals fast heiter: "Ich weiß, ich weiß. Sie war eine liebe Frau."
Zwei Tage später holte er Handwerker ins Haus und ließ es renovieren. Dann riß er alle Fenster auf, und von der Straße aus sah man ihn im buntgestrichenen Salon vergnügt seine Zigaretten rauchen.
Von nun an ging er nicht mehr ins Café, sondern lud alle Freunde zu sich nach Hause ein.

Liebt ihr das Wasser? Für Araber ist Wasser etwas Göttliches. Und so will ich für euch auch einen großen Teich in eurem Garten anlegen, nicht so eine unförmige Salatschüssel, sondern einen großzügigen Teich. Er wird Libellen anziehen und viel anderes Leben. Und er wird euch immer wieder einladen zum Beobachten und Nachdenken.
Solch ein Wasser kann den Himmel einfangen und widerspiegeln. Und ich wünsche nur, daß euer Himmel frei sein möge von jeglichen Militärmaschinen.
Manchmal denke ich, ich bin immer noch der Junge von der Gasse, der bei den ersten Tieffliegern 1956, während des Suezkanalkrieges, zusammenzuckt. Doch die Zeit verändert uns. Damals hatte ich nur Angst.
Später, als ich erwachsen wurde und die Kriege nicht weniger, sondern mehr wurden, spürte ich neben der Angst auch Scham. Ich schämte mich, einer Menschheit anzugehören, die sich mit der Gewalt der Waffen verständigt.
Heute, bei diesem Krieg gegen den Irak, stellt sich bei mir neben Angst und Wut zum ersten Mal in meinem Leben ein neues Gefühl ein, ein Gefühl, das mich beglückt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verbinden sich Kriegsgegner zu einer weltweiten Demonstration.
In diesen Demonstrationen erkenne ich neben dem Willen zum Frieden noch etwas anderes: Es ist der fast jugendliche, leichtherzige Glaube, man könne einen Diktator stürzen und ein Imperium bei seiner strategischen Planung hindern, wenn man friedlich auf der Straße demonstriert.
Doch dieser scheinbar blauäugige Glaube ist beim genaueren Betrachten das einzig vernünftige zivile Gebot der Stunde. Es handelt sich also um ein neues, sich weltweit bildendes Bewußtsein einer Zivilgesellschaft und nicht um Leichtsinn und Blauäugigkeit, wie die Kriegswilligen uns weismachen wollen. Es sind vorwiegend Jugendliche in den ersten Reihen, weil sie zu allem sich Erneuernden ein inniges Verhältnis haben. Jung sein heißt ja in Bewegung bleiben. Viele Stehengebliebene verwechseln die eigene Trägheit mit Vernunft. Aber nicht die Jahre, die man hinter sich bringt, machen einen alt, sondern allein die Zahl der Träume, die man aufgibt.
Beim Anblick der Demonstrationen versöhne ich mich mit der Menschheit und denke, es lohnt sich schon, ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein, denn auch der reißende Fluß besteht am Ende nur aus vielen Tropfen.

Zum Schluß möchte ich euch eine einzige Kübelpflanze in euren Garten stellen. Einen kleinen Olivenbaum, als Zeichen für den Frieden. Seit Picasso die streitsüchtige Taube zu einem Friedensymbol erhoben hat, leben wir mit einem Mißverständnis. Der Ölzweig und nicht die Taube war das biblische Zeichen für den Frieden, so wie ein Flugzeug niemals ein Friedensymbol sein kann, bloß weil es eine Friedensdelegation zur Verhandlung transportiert hat.
Die Taube ist sehr kriegerisch, der Olivenbaum niemals.
Um ihn vor Kälte zu schützen, müßt ihr ihn im Winter ins Haus nehmen, ihm sozusagen Asyl gewähren.

Liebe Jugend, das ist also euer Garten, und ich wünsche euch lebenslang Neugier, Zeit und Ruhe, um immer wieder den Eingang zu diesem Garten zu finden und einige seiner Geheimnisse zu entdecken.
Ich danke euch fürs Zuhören.

© Rafik Schami
Foto Rafik Schami: © Peter Hassiepen