Schulz plant seine Entführung

Schulz blätterte in einem dicken Katalog, den er vom Reisebüro mitgebracht hatte.
"Kolumbien", sagte er zu seiner Frau, die vor einem Stapel Zeitungen und Zeitschriften saß und gerade einen Bericht über eine Entführung in Madagaskar las, die für Entführer und Geisel tödlich geendet hatte. Ein blutiges Debakel.
"Zu blutig, die Medilliner Mafia ist schnell bei der Waffe. Nein, nach Kolumbien mag ich nicht."

Schulz stand unter Druck. Es trennten ihn nur noch drei Wochen von seinem Urlaub und er bemühte sich Abend für Abend viele Stunden darum, ein geeignetes Reiseziel zu finden. Vergeblich.
"Jetzt oder nie", flüsterte er immer wieder vor sich hin, um sich selbst Mut zu machen. Er musste sich und der Nachbarschaft beweisen, dass man Schulz nicht so schnell abschreiben durfte, vor allem aber musste er es dem Nachbarn Heinrich heimzahlen. Er, Schulz, galt nichts mehr, seit es dieser Schuft von Heinrich auf vier Talkshows in einer Woche gebracht hatte. Schulz hatte bis dahin als der Star der kleinen pfälzischen Stadt Grumbeerheim gegolten. Er hatte bis vor drei Monaten den Rekord mit drei Fernsehauftritten in einer Woche gehalten. Und nun ging sogar der Bürgermeister mit Heinrich einen trinken.

Ein Witz machte die Runde: Stadtbewohner grüßen Heinrich und fragen ihn höflich, wer der Fremde neben ihm sei, und der schmierige Bürgermeister lächelt schleimig und antwortet untertänig: "Ich bin der Bürgermeister dieser Stadt, die sich glücklich schätzt, Herrn Heinrich zu ihren Bürgern zählen zu dürfen."

So weit hatte es dieses pfälzische Kaff, seinen großen Schleimproduzenten eingeschlossen, noch nie gebracht. Ein Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde gelang Heinrich zwar nicht, dafür verbreitete er die Lüge, man habe ihm sogar eine Rolle in einem Film angeboten. Und die Schwachsinnigen von der Lokalzeitung glauben ihm tatsächlich und fingen an, über das Naturtalent zu schreiben!
Was sollte Schulz dagegenhalten? "Schulz, gib auf!", hatte ihn dieser Schuft angeblich im Spaß vor allen Leuten in der Kneipe aufgefordert. "Auch wenn du es auf vier Auftritte bringst, bist du ein elender Nachahmer, und fünfmal in der Glotze, das hat nur Wolf Schwitter fertiggebracht. Aber der kann sich wie der Zauberer Houdini von dicken Fesseln befreien und dabei Arien schmettern. Kannst du singen, Schulz?" Und alle hatten vor Lachen gebrüllt.

Schulz knirschte mit den Zähnen. Er fror vor Hass. Jetzt oder nie, dachte er. Mit einer Entführung könnte er einen neuen Trumpf aus der Tasche ziehen. Über hundert Tage hatte das Fernsehen von der Entführung auf Jolo berichtet. Fernsehrechte waren verkauft, Filme gedreht und mehr als zehn Bücher darüber verfasst worden.
"Malediven", brummte er.
"Keine Chance auf eine Entführung. Seit fünfzehn Jahren ist null und nichts Dergleichen passiert", wandte seine Frau ein. "Hier ist die Liste."
Aber Schulz hatte keine Kraft, sich diese verfluchte Liste anzuschauen.
"Libanon", zischte er.
"Steht ganz oben auf der Liste, aber die Hisbollahs trennen die Geiseln nach Geschlechtern und schießen alle nieder, sobald sie eine Gefahr wittern. Hier steht's." Schulz' Frau streckte ihm einen Artikel entgegen, aber Schulz wollte ihn nicht lesen.
"Kuba!", sagte er hoffnungsvoll. Die Frau schaute auf die Liste. "Nicht aufgeführt. Seltsam. Aber warte mal. Hier, es steht unter den Ländern der Karibik." Leise murmelnd ging sie die Liste durch und schüttelte dann den Kopf, "Nein. Kuba gilt als sehr sicher und gastfreundlich."
"Thailand!", fuhr Schulz fort.
"Das könnte dir so passen. Entführung in den Puff! Nein, ohne mich", war die unmissverständliche Antwort. "Dominikanische Republik!", beeilte sich Schulz zu sagen.
"Da wütet zurzeit ein Tornado!"
"Teheran?", meinte Schulz schließlich, der Verzweiflung nahe.
"Wie? Warte mal! Das Land steht an dritter Stelle auf der Touristengefährdungsliste und die Gefahr kommt nicht von irgendeiner Terrorgruppe, sondern vom Staat selbst." Sie las weiter und lachte.
"Was ist?", fragte Schulz besorgt.
"Ich glaube, wir haben es. Auf nach Teheran! Dort kann man bereits wegen ein wenig Erotik im Gefängnis landen. Ein verbotenes anti-islamisches Buch reicht für einen Prozeß mit garantiertem Ausgang: lebenslänglich. Das steht da."
Als sie das bekümmerte Gesicht ihres Mannes sah, fügte sie rasch hinzu: "Das ist natürlich nur pro forma, zur Abschreckung der eigenen Bevölkerung. Wir werden nach drei, vier Monaten vom Auswärtigen Amt freigekauft."
Schulz lachte. "Heinrich, meine Rache wird bitter. Das Fernsehen wird meine Toilette öfter zeigen als deine Birne und dann soll es der Herr Bürgermeister nur wagen, uns bei der Ankunft nach der Befreiung begrüßen oder empfangen zu wollen."

© Rafik Schami 2000
Foto Rafik Schami: © Peter Hassiepen