Von der Flucht eines Propheten

Zu Goethes Liebeserklärung an den Orient


Oft bleiben die Gründe für die Entwicklung eines Kunstwerks im Verborgenen, und je mehr Schichten der Boden enthält, aus dem das Kunstwerk hervorgeht, um so schwerer ist zu bestimmen, welche Schicht Einfluß auf die Entstehung hat. Monokausale Werke werden selten zu Kunst.
Der "West-östliche Divan", mein Favorit unter den lyrischen Werken des größten Meisters deutscher Zunge, ist ein vielschichtiges Kunstwerk. Es ist eine der größten Liebeserklärungen, die je ein Europäer dem Orient gemacht hat. Ein Kuriosum nebenbei: In arabischer Schrift steht auf dem Titel der ersten Ausgabe von 1819 nicht "West-östlicher Divan", sondern "Der östliche Divan vom westlichen Verfasser". Der Titel ist nicht falsch, denn es sind östlich empfundene weise Gedichte eines westlichen Dichters. Merkwürdig ist nur die Wahl des Wortes Verfasser, arabisch mu'allef, das man in Arabien eher für Prosaschriftsteller benutzt, statt des Wortes scha' ir für Dichter.
Goethe hat sich seit seiner Straßburger Zeit (um 1773) mit dem Orient beschäftigt. Unter dem Einfluß Herders fertigte er die erste Studie über den Propheten Mohammad an. Sie blieb aber Fragment. Etwas später las er die arabische Dichtung mu'allaqat, und bis 1800 studierte er eingehend den biblischen Moses und Voltaires Drama Mahomet. Ab 1813 beschäftigte er sich mit der orientalischen Poesie. Vor allem der persische Dichter Hafis hat ihn tief beeindruckt. Und sicher wissen wir die Zeit der Divansentstehung: 1814-1819.
Seit dem Abdanken Napoleons 1814 herrschte Frieden in Europa, doch die Napoleonischen Kriege hatten Goethe tief erschüttert. Kein Friedensvertrag konnte seine Unruhe beschwichtigen. Auch die Enge der Weimarer Verhältnisse trieb ihn wieder zur Suche nach Rettung. Man kann vieles an Goethe leichter verstehen, wenn man sich vor Augen hält, daß der begnadete Dichter sein Leben lang einen poetischen Bildungshunger spürte, der ihn rastlos machte. Goethes Suche wurde zur Sucht und war im Grunde die Geburtshelferin vieler gewagten Schritte, die er unternahm. Doch wie sauer mußte es dem Dichter aufstoßen, daß er "nur" als der Autor des Werthers galt, so sehr er sich auch um andere Themen bemühte und was auch immer er sonst schrieb.
Der "West-östliche Divan" wurde beim Erscheinen von der Fachwelt sehr unterschiedlich aufgenommen. Die Gebrüder Schlegel verübelten es Goethe, daß er im Divan die indische Literatur nicht beachtete. Der Orientalist Johann Gottfried Kosegarten lobte das Werk. Der Romantiker Achim von Arnim äußerte ironisch bissige Kritik. Von Platen, Rückert und Heine waren dagegen begeistert. Grabbe machte sich in einer Komödie über Goethes Werk lustig. Ludwig Börne ging in seiner erst 1830 veröffentlichten herben Kritik am weitesten: "Das zahme Dienen trotzigen Herrschern hat sich Goethe unter allen Kostbarkeiten des orientalischen Bazars am begierigsten angeeignet. Alles andere fand er, dieses suchte er; Goethe ist der gereimte Knecht, wie Hegel der ungereimte."
Das breite Publikum las das Buch jedoch nicht - Goethe blieb zu seinem Ärger der Autor des Werthers.
Viele seiner schärfsten Kritiker hielten ihm vor, daß sein geistiger Ausflug in den Orient schlicht und einfach Flucht aus der bedrückenden Realität gewesen sei. Nun ist ja Suche an und für sich eine Flucht von dem, was ist, zu dem, was sein könnte. Im Kern triff der Vorwurf auch auf Goethe zu, doch ich komme später auf seine Absurdität zurück.
Wichtiger ist jedoch, sich diese Flucht in den Orient genauer anzuschauen. Es ist weniger eine Reise durch die geographischen Breitengrade als vielmehr durch die poetischen Landschaften und Flüsse der arabischen Redekunst, die Quellen der orientalischen Poesie und durch die Stille der Verse, die nur eine Wüste erzeugt. Der Reisende begegnet weder Basarhändlern noch Räubern oder edlen Rittern, sondern den Dichtern, Philosophen und anonymen Weisen der Bibel und der Sprichwörter, die Goethe auf seiner Wanderungen reichlich beschenkten. Wen wundert es, daß einem liebenden Dichter wie Goethe - obschon selbst Staatsmann - Protagonisten orientalischer Liebesepen wie Medschnun und Leila, Suleika und Jusuf näherstanden als irgendwelche Paschas und Minister seiner Gegenwart?
Goethe suchte auf seiner Reise den Dialog, und deshalb war nicht die Einsamkeit des Dichters, sondern das Zwiegespräch die Geburtshelferin der meisten Gedichte.
Einen wichtigen Gesprächspartner aber verschwieg er, im Leben wie in der Dichtung: Marianne von Willemer. Heute gilt als sicher, daß die stürmische Liebesaffäre zu Marianne von Willemer eine entscheidende katalytische Wirkung auf den Werdeprozeß des Divans hatte. Ihre Urheberschaft bei allen Gedichten, die Suleika im Band spricht, ist ohne jede Zweifel.
Die Liebe verjüngt das Herz. Und unabhängig davon, wieweit beide ihre Liebe körperlich auskosteten, erreichten sie höchste Höhen durch die poetisch gelebte Liebe. Denn durch die Liebe zu Goethe entbrannte Marianne von Willemer für die Poesie, und sie schrieb wunderschöne Gedichte, die Goethe in den Band aufgenommen hat, ohne die Autorenschaft der großartigen Frau auch nur im geringsten anzudeuten. Marianne von Willemer nahm Goethe andererseits die letzten Hemmungen, die dieser dichterischen Schöpfung im Wege standen. Sie vermochte aber trotz mutiger Bereitschaft zur Konsequenz Goethe nicht dazu zu bewegen, öffentlich zu ihrer gemeinsamen Liebe zu stehen. Goethe nannte sich in den Versen an sie Hatem, Marianne gab er den Namen Suleika, da er sicher war, daß sie für ihn, so wie die persische Suleika für ihren Geliebten Jusuf, unerreichbar bleiben würde. Der Dichter verschwindet im Herbst 1815 für immer aus ihrem Leben, und Marianne verstummt daraufhin.
In seinem literarischen Leben folgte Goethe seinem heiligen Prinzip vom Sterben und Werden. Das machte ihn unsterblich. Im Leben aber entschied er sich immer für den Weg des geringeren Widerstandes. Leidenschaft ja, Opferbereitschaft lieber nicht. Darin glich Goethe, sagen wir vom Hals bis zur Fußspitze, 99,9 % aller Männer. Doch seinen Kopf erlebte Europa nur selten. Wie absurd muten all die Abrechnungen mit Goethes erotischen Zuneigungen und herzlosen Eskapaden an. Man verwechselt - vor allem gerne im deutschsprachigen Raum - nicht selten Werk und Person. Allerdings passiert das im Orient auch. Der beste Dichter aller Zeiten ist dort der verwegene, dem Wein, jungen Männern und Prostituierten verfallenen Abu Nuwas, und der beste Mediziner, den der Orient je hervorgebracht hat und den auch die Europäer verehren, war Ibn Sina (Avicena). Er lebte wie ein Schwein und starb durch seine grenzenlose Ausschweifungen sehr jung.
Goethe versuchte im "West-östlichen Divan" das Denken und Fühlen des Orients und seiner Lyrik aufzunehmen. In diesem Sinne war sein Werk ein Abrücken von der erdverbundenen griechischen Klassik hin zum geistigen Fluß orientalischer Dichtung. Und um sich in die Kultur des Orients einzufühlen, lernte er auch die arabische Schrift. Der Mann, der so emsig erst unsicher und krakelig und dann immer eleganter von rechts nach links schrieb (und nicht, wie meine eurozentristischen deutschen Kollegen behaupten, von hinten nach vorne), war zu dem Zeitpunkt bereits 64 Jahre alt.
Man ist geneigt zu denken, Goethe sei während oder vor der Arbeit an seinem kleinen literarischen Juwel in den Orient gefahren, doch er war nur zwischen Weimar, Wiesbaden, Frankfurt und Heidelberg hin und her gependelt. Er vermochte aber durch die Magie der Literatur besser als das Heer heutiger wichtigtuender Journalisten in Kairo, Damaskus oder Tel Aviv den Orient zu verstehen und zu vermitteln. Das ist die unfaßbare Magie der Literatur. Und dennoch ist dieses Juwel weder orientalisch noch okzidentalisch geworden. Die Poesie schaukelt zwischen beiden Stühlen und widerspiegelt so auch meine Seele. Ich müßte mein Herz zerreißen, wenn ich trennen wollte, was sich in mir aus Ost und West, Orient und Okzident vereinigt hat. Und ich könnte auch nach der tausendsten Wiederholung noch immer ausrufen:

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.
Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen laß ich gelten;
Also zwischen Ost- und Westen
Sich bewegen, sei's zum Besten!


Auffällig bleibt jedoch, daß Goethe, wie er es zu keinem anderen Werk getan hat, zum Divan einen Anhang "Notate zum besseren Verständnis" geschrieben hat, so als spürte er, daß den Lesern die Materie fremd war. Die Romantiker werden später noch häufiger den paradiesischen Orient besingen und malen, aber zu seiner Zeit war Goethe fast allein auf weitem Feld. Goethe hatte, wie alle Genies, es nicht nötig, sich einen avantgardistischen Anschein zu geben - er war Avantgarde.
Schaut man aber genau hin, erweist sich der Anhang als viel mehr als nur ein Apparat zur Erklärung der Dichtung. Er ist die selbständige zweite Hälfte des Divans, in der das Bild des Orients facettenreicher wird. Sogar der Mongolenfürst Timur-Leng, der Goethe nur ein einziges verachtungsvolles Gedicht wert war, bekommt hier einen Anstrich von Menschlichkeit.
Der Divan wäre noch kein typisches Produkt Goethes wenn der geniale alte Geheimrat nicht die Form des Dialogs vom Anfang bis zum Ende durchgehalten hätte, und nichts auf der Welt spiegelt Goethe so sehr in seinem Wesen wider wie der Dialog. Sein Leben lang führte er Dialoge: zwischen Menschen, Kulturen und Jahrhunderten. Vielleicht erscheint meine Feststellung manchen als orientalische Übertreibung. Sie ist für mich aber der Schlüssel zu Goethes Geheimnis gewesen: Goethe führte nicht nur Dialoge - er war selbst ein Dialog.
Sein Gesprächspartner in seinem west-östlichen Dialog war - wenn es nicht gerade um Liebe (Suleika) ging - ein Verwandter im Geist: der persische Dichter Mohammad Schamseddin Hafis aus Schiras, der Gelehrter für Theologie und Sprache und ein Gegner jeglicher Orthodoxie war. Er schrieb viele zarte Liebeslieder. Hafis hat, genau wie Goethe, in einer Zeit des Krieges und der Zerstörung - eben der der Mongolen unter Führung des erwähnten Timur-Leng - gelebt. Hafis ist neben Dschalaleddin Rumi und Saadi einer der größten Dichter Persiens. Ihm widmete Goethe ein ganzes Kapitel des Divans.
Die Strophen über Hafis ehren nicht nur diesen, sondern auch Goethe. Er, der damals bekannteste und größte Dichter deutscher Zunge, verneigte sich vor einem in Europa so gut wie unbekannten persischen Dichter, einem Lyriker, der fünfhundert Jahre früher gelebt hat.
Goethes Umgang mit Hafis ist immer noch ungewöhnlich progressiv vergleicht man ihn mit heutigen deutschen Autoren, die ihre erlernten germanistischen Kategorien und Schablonen im Hinterkopf haben, wenn sie über das Werk eines ausländischen Autors schreiben. Selten fühle ich mich isolierter und einsamer als in solchen Augenblicken. Meine Glieder schmerzen durch die Enge des aufgesetzten Korsetts.
Es ist die universelle Seele, die Goethe leitet und ihn in manchen seiner Haltungen konservativ oder desinteressiert erscheinen läßt, weil er, statt sich mit lokalen Querelen zu befassen, sich mit Hafis poetisch und innig unterhält. Man könnte das, wie ich anfangs angedeutet habe, ohne weiteres als Flucht vor den erdrückenden politischen Zuständen im Europa jener Zeit nennen. Aber mit dieser Flucht rettete er sich und versetzte zudem seine Seele in prophetische Höhen. Nicht zufällig nennt er das erste Gedicht Hegire (arabisch Hidschra, was den rettenden Ritt des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina meint).
Ich wäre froh, wenn mancher deutsche Autor der heutigen Zeit mir seine politischen Kommentare und Verrenkungen ersparen, vor der dauernden Unruhe unserer Zeit flüchten und nach einem Jahrzehnt Verse wie diese liefern würde:

Was klagst du über Feinde?
Sollten solche je werden Freunde,
Denen das Wesen wie du bist
Im stillen ein ewiger Vorwurf ist?

 
© Rafik Schami
Foto Rafik Schami: © Peter Hassiepen